Lokal & Regional / Aachen

Hilde Scheidt: «Aachen ist dem Frieden verpflichtet»

Von Jan Mönch 08.11.2009, 20:27

Aachen. Wind und Regen schlagen dem Protestzug entgegen, der auf dem Markt eintrifft. Der Wind lässt die Gesichter erstarren, der Regen wird von den Hosenbeinen aufgesogen, die bald nass an den Knöcheln kleben. Aber weder das fiese Herbstwetter noch sonst etwas kann die Demonstranten daran hindern, ihre Stimme zu erheben - nur symbolisch sind am Samstag die Münder mit Klebeband verschlossen.


Im Herkunftsland der Demonstranten, Iran, sieht das anders aus. Seit dem wahrscheinlichen Wahlbetrug durch Präsident Mahmud Ahmadinedschad werden dort Demonstrationen gewaltsam niedergeschlagen, jüngst am 30. Jahrestag der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran, dem 4. November. Folter und Vergewaltigung, Schauprozesse und Hinrichtungen werfen Menschenrechtler dem Regime vor.

Der Schweigemarsch durch die Altstadt sowie eine anschließende Kundgebung auf dem Markt wurden organisiert von verschiedenen iranischen Organisationen aus Aachen, Bonn, Düsseldorf und Köln. Viele der in Deutschland lebenden Iraner mussten einst vor dem Schah-Regime fliehen, bevor dieses 1979 gestürzt wurde.

Doch auch aus der dann ausgerufenen Islamischen Republik wurden Minderheiten vertrieben. Aus ihren «neuen» Heimatländern müssen sie nun mit ansehen, wie ihre Landsleute im Iran erneut Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt sind. Die Forderung in Aachen wie in Teheran: Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit für Iran.

Beim Eintreffen am Markt werden die nach Polizeiangaben 150 Demonstranten von iranischen Volksliedern begrüßt, das Klebeband wird aus den Gesichtern entfernt. «Bleiben Sie noch eine Weile am Leben», wird Ayatollah Ali Khamenei, über dessen Ableben zuletzt Gerüchte kursierten, gebeten. «Versuchen Sie, am Leben zu bleiben, um den Frühling und die grüne Auferstehung dieses Volkes zu erleben. Bleiben sie am Leben, um den Tag zu erleben, an dem das Volk über Sie richtet, Sie aber nach der neuen Verfassung nicht zum Tode verurteilt.»

Ausdrücklich distanziert man sich von den Feindseligkeiten des Holocaust-Leugners Ahmadinedschad gegenüber den «Scheinfeinden» USA und Israel.

Auch Tränen fließen

Otmar Steinbicker, der Vorsitzende des Aachener Friedenspreises, nimmt vom Markt aus Berlin gegen den «barbarischen Terror einer menschenfeindlichen Diktatur» in die Pflicht: «Wir fordern unsere Bundesregierung auf, deutlicher, sehr viel deutlicher als bisher die Menschenrechtsverletzungen in Iran zu thematisieren.»

Angeregt wird ein gemeinsamer Appell der Fraktionen im Aachener Stadtrat an Kanzlerin und Karlspreisträgerin Angela Merkel. Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) stimmt dem zu: «Aachen ist dem Frieden verpflichtet.»

Zorn eint die Iraner vor dem Rathaus, aber auch Hoffnung, dass die Gewalt in der Heimat ein Ende finden wird. Bei manchen Demonstranten fließen Tränen. Als die Lieder verstummen, hat der Regen aufgehört.



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