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Hans von Aachen: Für seine Zeit ganz erstaunlich «modern»
Von Verena Müller
Direkt am Anfang der Schau steht das Doppelselbstbildnis, das wahrscheinlich 1574 entstanden ist. Damals war Hans von Aachen ungefähr 22 Jahre alt und noch nicht lange Mitglied der Kölner Malergilde. Ob das Gemälde noch in Köln oder bereits in Italien entstanden ist, ist unklar. Der «von Aachen im Vordergrund» lacht den Betrachter frech an, ungeschönt sind die schiefen und verfärbten Zähne dargestellt.
Die Zunge ist über die untere Zahnreihe geschoben, vielleicht im Affekt, denn der «van Aachen im Hintergrund» scheint sein Ebenbild zu necken. Er scheint es am Kragen zu zupfen oder am rechten Ohr zu kitzeln, was die Neigung des Kopfes zur rechten Schulter erklären würde. Dass Hans von Aachen seiner Persönlichkeit, lebensfroh und unbeschwert, in realitätsnaher Darstellung Ausdruck verleiht, ist sicher ein Zeichen flämischer Tradition. Ungewöhnlich ist, dass von Aachen zwei Gattungen mischt: Porträt- und die Genremalerei. Für ein Porträt ist das Werk zu lebhaft, zu überzogen. Für ein Genrebild fehlt die Kulisse. Diese Eigenart zieht sich durch die gesamte Laufbahn des Malers. Der Schabernack, der im Bildnis getrieben wird, und die bierselige Ausgelassenheit erinnern an rund 50 Jahre jüngere niederländische Werke, etwa an die «Malle Babbe» von Frans Hals oder Trinkgelage von Jan Steen. War von Aachen also ihr Wegbereiter? Zehn Jahre später malte er seinen Künstlerkollegen Joseph Heintz und charakterisierte ihn als in sich gekehrten Zeitgenossen. Auffallend ist hier - und noch deutlicher im Porträt von Giambologna - das Schlaglicht. Später sollte das für Caravaggio als charakteristisch gelten. Der war 1584, als das Bildnis von Joseph Heintz entstand, erst 13 Jahre alt und hatte seine Ausbildung noch nicht begonnen. Dass Hans von Aachen ebenso imstande war, offiziellere Porträts anzufertigen, die ihn in ihrer Erhabenheit in die Nähe von Tizian und Bronzino rücken, beweist das «Bildnis von Großherzog Francesco I. de´Medici» (1585). Die Malweise glatt, die Haut des Großherzogs - in der Art des Florentiners Bronzinos - ebenmäßig, der Blick undurchdringlich. Das Idealbild des Fürsten wird nicht nur durch den kostbaren Pelz aufgewertet, sondern auch durch den prächtigen Vorhang in Venezianischem Rot. Mit großer Hingabe hat von Aachen die Schwere des Stoffs in jeder Falte und die Lichtreflexionen auf der Oberfläche festgehalten. Nicht nur der Vorhang, sondern auch die deutende Handhaltung ist ähnlich in Tizians Porträts, etwa in dem des venezianischen Dogen Francesco Venier, wiederzufinden. Ein Zufall? Kaum. Hans von Aachen hatte während seines Italienaufenthaltes die großen Meister in Rom, Venedig und Florenz studiert und in der Fortsetzung die venezianische Porträtmalerei in Florenz, in Kombination mit flämischem Realismus und nordalpiner Perfektion in der Darstellung von Stofflichkeit, etabliert. Als Höhepunkt seines Schaffens gilt die mythologische Darstellung von «Bacchus, Ceres, Amor» (um 1598). Bacchus, mit Weinlaub auf dem Haupt und hellen Trauben in der Linken, scheint die bis auf einen Hauch von Schleier unbekleidete Ceres ermutigen zu wollen, ein Glas Weißwein an die Lippen zu führen. Ein pausbackiger Amor mit Fruchtkorb in den Händen blickt gen Himmel. Die detailgenaue Darstellung der Früchte und des Glases könnte ebenso aus einem Stillleben stammen, von nicht minderer Qualität ist die Landschaft im Hintergrund. Die Szene geht wohl auf eine Textpassage aus der Komödie von Terenz zurück: «Ohne Ceres und Bacchus friert Venus.» Auffallend ist die dominierende Körperlichkeit. Ceres rosige Blöße füllt etwa ein Drittel des Bildes aus. In Anlehnung an Werke des Bildhauers Adriaen de Vries wirkt die Göttin des Ackerbaus skulpturhaft, ihr Körper ist makellos. Van Aachen zeichnet sich damit zum frühen Barockkünstler aus. Im krassen Gegensatz dazu steht die zwar wenig später entstandene, aber in ihrer manieristischen Figürlichkeit älter wirkende «Allegorie der Herrschaft». Den Figuren ist in ihren teils im Krampf erstarrt wirkenden Bewegungen viel Raum gegeben. Merkur triumphiert über einem am Boden kauernden Türken, den rechten Arm dramatisch gen Himmel gerichtet. «Drei» zeigt er mit der Rechten, die Finger der Linken gen Boden zu «fünf» gespreizt. Zusammen acht, gemeint ist der Rhythmus von 800 Jahren, in dem es angeb-lich zur Erneuerung der Welt kommt. Der Wechsel zum 17. Jahrhundert stand kurz bevor. Gerade in dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass Hans von Aachen unterschiedliche, auch gegensätzliche Stilrichtungen beherrschte, was vermutlich zu seinem Ruhm zu Lebzeiten beigetragen hat. Allerdings sollte sein Ruf bereits im 18. Jahrhundert schon dahin sein.
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