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Latein-Kalender: Termine planen wie die Römer
Von Burkhard Jürgens, kna
Rom. Dieses Notizbuch war von Anfang an ein Klassiker: Unter «mobile telephonum» darf der Besitzer seine Handynummer eintragen, und für die E-Mail-Adresse muss er den Stift bei «domicilium electronicae epistulae» ansetzen.
«Agendae Res» heißt der Taschenkalender, den eine kleine norditalienische Firma produziert und in kleiner, doch wachsender Auflage vertreibt. Von der vierten Edition sollen 1200 Exemplare über den Ladentisch gehen, hofft Nicola Di Cristoforo (55), Hersteller und Inhaber der Edel-Papeterie «Arte&Carta».
Inzwischen versucht er, auch einen eiteren Kundenkreis zu erschließen: «Magistra», ein ähnlich aufgebauter Terminplaner mit lateinischen Bibelversen und Rubriken für Hochzeiten, Taufen und Todesfälle, soll standesbewusste Kleriker ansprechen. Dabei stand Di Cristoforo mit der Sprache der Caesaren und Päpste lange Zeit auf Kriegsfuß. In der Schule hatte er eine glatte Fünf in Latein. Dass er trotzdem zu den Kalendern kam, geschah «ein bisschen aus Liebe», erzählt Di Cristoforo. Nicht etwa Liebe zum Ablativus absolutus und vertrackten Versmaßen, sondern zu seiner Frau. Denn die ist promovierte Altsprachlerin. «Cum Donatellae Farinae doctoris auxilio» (Mit Hilfe der Doktorin Donatella Farina), lautet deshalb die Widmung in den schlichten Büchlein aus elfenbeinfarbenem Cambridge-Papier. Vor allem für Freiberufler und Unternehmer ist «Agendae Res» laut Di Cristoforo ein Begleiter durch das Jahr geworden. Vielleicht, weil sie es schick finden, zugleich mit dem Smartphone und der Kladde mit dem eingeprägten lateinischen Schriftzug zu hantieren. Jedenfalls spricht Di Cristoforo selbst von einem Überraschungserfolg. Nachfragen erreichen ihn auch aus dem europäischen Ausland und aus den USA. Werbung betreibt er nach eigenen Angaben nicht, Mundpropaganda genügt. Als Gehirntraining und literarisches Appetithäppchen zieren Sprüche von Ovid oder Quintilian die Fußzeilen von «Agendae Res» - für jeden Tag ein gutes Wort aus alter Zeit. In «Magistra» schließen ein, zwei Zitate aus dem biblischen Buch der Sprichwörter jeden Wochenüberblick ab. «Qui operatur terram suam saturabitur panibus, qui sectatur otium replebitur egestate - Wer sein Feld bestellt, wird satt von Brot, wer nichtigen Dingen nachjagt, wird satt von Armut», stellt der Kalender etwa am 11. Juli den geistlichen Nutzern zur Betrachtung anheim. «Es sind wirklich kurze Gedanken, auch wer kein Latein kann, braucht keine große Lektüreanstrengung», sagt der Verleger. Andererseits zweifelt er offenbar an der humanistischen Bildung im Heimatland Ciceros. Zur Sicherheit hat er den lateinischen Zitaten italienische Übersetzungen beigegeben. Trotzdem hat Di Cristoforo aus seiner Geschäftsidee einen fast schon missionarischen Eifer für das Idiom seiner Vorfahren entwickelt: Als Nächstes plant er eine lateinische Rätselzeitschrift - für diejenigen, die ihre Vokabelkenntnis im Kreuzworträtsel erproben wollen. Im Frühjahr soll das biblische Hohelied auf Latein gesprochen und gesungen als CD herauskommen. Unterdessen verweist Di Cristoforo auf seiner Website auf eine Reihe anderer Initiativen, die die vermeintlich tote Sprache lebendig halten. Darunter das monumentale «Lexicon Recentis Latinitatis», herausgegeben im Vatikan, das zeitgenössische Begriffe wie Ricotta oder Realpolitik auf antik trimmt, die lateinischen Nachrichten des finnischen Staatsrundfunks oder die deutsche Hip-Hop-Gruppe «Ista» - die Wilhelmshavener Ex-Pennäler fanden die elegischen Distichen Vergils ideal zum Rappen. Ausgerechnet in der Hochburg der lateinischen Sprache, dem Vatikan, hat Di Cristoforo noch nicht richtig Fuß gefasst. Zwar finden sich die Kalender im Sortiment der vatikanischen Buchhandlung, aber Sammelbestellungen aus den Büros der Kurie blieben bisher aus. «Dem Papst würde ich gerne ein Exemplar schenken», sagt Di Cristoforo - vielleicht sogar persönlich bei einer Generalaudienz. Fortes fortuna adiuvat, wusste der Dichter Terenz: Den Mutigen hilft das Glück.
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