Dossier

Baggern und Jubeln für Olympia: «Ich vermisse das alte Peking»

Von Till Fähnders, dpa 09.04.2008, 09:05

Peking. Die 17 Millionen Einwohner Pekings fiebern gespannt dem Beginn der Olympischen Spiele im August entgegen. Während die Welt über einen Boykott wegen der Niederschlagung der Unruhen in Tibet diskutiert, arbeiten die Pekinger weiter auf den 8. August hin.


Dann wird in der chinesischen Hauptstadt das Olympische Feuer entzündet. «Die Menschen hier jubeln den Spielen zu», erklärt der 60 Jahre alte Pekinger Rentner Li Zhirong. Als 100.000 freiwillige Helfer gesucht wurden, meldeten sich mehr als eine Million.

Peking hat sich seit Jahren für das Sportereignis herausgeputzt wie kaum ein Olympia-Gastgeber zuvor. Bis zu 40 Milliarden Dollar sollen für die verbesserte Infrastruktur ausgegeben worden sein - keiner weiß es genau. Sicher nicht alles für die Spiele, aber wohl doch ein erklecklicher Teil. Vier neue Metrolinien wurden gebaut.

Bis 2015 soll die Pekinger U-Bahn noch auf 531 Kilometer und 420 Stationen und damit auf mehr als das Doppelte verlängert werden. Pekings Flughafen hat den mit rund einer Million Quadratmeter größten Terminal der Welt bekommen.

Arbeiter haben Tunnel gebuddelt, Straßen geteert, Neubauten hochgezogen, selbst alle großen Werbeschilder abmontiert. «Peking hat sich vom Aussehen sehr stark verändert», sagt Li Zhirong. «Mir gefällt das neue Stadtbild, aber ich vermisse auch das alte Peking.

Es wurde zu viel abgerissen.» Viele alte Gassen (Hutongs) wurden zerstört und Kaufhäuser aus dem Boden gestampft. Zehntausende mussten in abgelegene Satellitenstädte umsiedeln.

Mit der Muskelkraft von mehr als fünf Millionen Wanderarbeitern wurde das halbe Peking platt gewalzt, umgegraben und neu aufgeschichtet. Mittags sind sie am Rande der Baustellen in großen Gruppen zu sehen.

In verstaubten, oft einfachen Stoffschuhen, mit orangenen Plastikhelmen und manche mit leuchtenden Sicherheitswesten verschlingen sie am Straßenrand ein spärliches Mittagessen - oft gedämpftes chinesisches Brot oder eine große Schale Reis mit wässriger Gemüsepampe. Noch ist unklar, was mit ihnen geschieht, wenn zu den Spielen die Baustellen schließen.

Auf den Straßen stottert zäh der Verkehr an ihnen vorbei. Es rollen schon mehr als drei Millionen Fahrzeuge durch Peking, täglich kommen 1300 hinzu. «Der Straßenbau kommt mit der Entwicklung nicht mit», klagt Rentner Li Zhirong über die ständigen Staus. Während der Spiele soll der olympische Verkehr deshalb auf 280 Kilometer abgetrennte Strecken umgeleitet werden.

Um die Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen, werden für die Zeit der Wettbewerbe täglich abwechselnd Fahrverbote für Autos mit geraden und ungeraden Nummernschildern gelten. Eine Generalprobe im vergangenen August hatte allerdings nur eine enttäuschende Luft- Verbesserung um weniger als 20 Prozent gebracht.

«Wie sie sehen, ist die Luft heute nicht besonders gut», gibt auch der Umweltbeauftragte des Pekinger Olympia-Komitees (BOCOG), Yu Xiaoxuan, zu. Er zeigt aus seinem Bürofenster im olympischen Zentrum in den weiß-grau verwaschenen Himmel. «Aber die Luftqualität wird besser und besser», beschwört der Funktionär.

Rund 100 Fabriken müssen ihre Produktion umstellen, damit Pekings Luft reiner wird. Ein Kohlekraftwerk wurde geschlossen, ein Stahlwerk um 200 Kilometer versetzt. Nach Angaben des Schweden Arne Ljungqvist ist die Luft nun schon besser als erwartet. Der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte jüngst erklärt, dass Hitze und Luftfeuchtigkeit den Sportlern sogar mehr zusetzen könnten als Pekings schädliche Luft.

Peking leidet aber auch an Überbevölkerung, Wasserknappheit, hohen Wohnungskosten und drastisch steigenden Lebensmittelpreisen. «Ich hoffe, die Inflation wird sich nach den Spielen entspannen», sagt Li Zhirong. Außerdem müssten die Menschen mehr Umweltbewusstsein entwickeln, meint der Rentner.

Mit dem Schlagwort der «grünen Spiele» wollte Peking den Bürgern Energiesparen und Naturschutz beibringen. «Ehrlich gesagt, verwende ich die Recycling-Eimer nicht», erklärt die 36-jährige Bürokraft Chen Xiaoyan. Auch Kampagnen zur «Zivilisierung» und gegen das wahllose Ausspucken sind mäßig erfolgreich. «Wir stehen da noch am Anfang. Die Leute lernen erst, wie man sich in einer Schlange anstellt», meint der 27-jährige Verkäufer Qu Liming.


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