Sport / Alemannia

Der Alemannen-Coach blickt optimistisch auf die kommende Saison

28.07.2008, 20:02

Aachen. Die Vorbereitung auf die Zweitliga-Saison 2008/09 neigt sich dem Ende zu. Am Mittwoch beendet Alemannia Aachen das einwöchige Trainingslager in Bitburg. Trainer Jürgen Seeberger stand zuvor unserem Kollegen Roman Sobierajski Rede und Antwort.


Es sind noch zwei Wochen bis zum ersten Punktspiel der neuen Saison. Wo steht die Mannschaft, wie weit ist sie?

Seeberger:
Wir sind jetzt seit fünf Wochen in der Vorbereitung, hatten immer zwei Tage frei zwischendurch. Man konnte abschalten und hatte einen normalen Wochenrhythmus. Jetzt trainieren wir hier seit einer Woche durch, das Freitagsspiel kommt, Sonntag ist Saisoneröffnung. Das Programm ist schon recht straff. Jetzt stehen taktische Inhalte im Vordergrund, die Spieler sind also mental gefragt, aber auch körperlich müde durch die Anzahl der Einheiten. Die Grundlagen sind körperlich gebildet, und taktisch sind wir auch auf einem guten Weg, ohne das Spiel gegen Leverkusen überzubewerten. Man hat positive Aspekte gesehen, aber auch einiges, an dem wir noch arbeiten müssen.

Obwohl doch gerade gegen Leverkusen einiges ganz gut funktioniert hat, das war keines dieser Bratwurst-und-Blaskapelle-Spiele...

Seeberger:
Solche Spiele dienen vor allem dazu, herauszufinden, wo stehen die neuen Spieler, wie weit ist der Integrationsprozess vorangeschritten, inwieweit kann sich der Spieler in die Mannschaft nicht nur reinspielen, sondern auch reindenken. Das hat auch mit menschlichen Dingen zu tun. Wie funktioniert alles zusammen, wie harmoniert das. Nicht nur mit den sieben Neuzugängen, wenn man Lewis Holtby auch zählt, sondern das Ganze.

Wie weit ist eigentlich die Integration von Seji Olajengbesi vorangeschritten, er macht einen leicht isolierten Eindruck innerhalb der Mannschaft.

Seeberger:
Nein, was man von außen sieht, sind typusbedingte Merkmale. Wichtig ist die Frage, wie einer seinen Job erledigt und seine Möglichkeiten optimal nutzt, die er in sich trägt. In dieser Beziehung ist auf ihn grundsätzlich Verlass.

Ist es zu früh zu sagen, wer spielen wird und das Vertrauen genießt?

Seeberger
: Ja, das ist noch zu früh...

...immer noch?

Seeberger:
Man hat als Trainer natürlich ein gewisses Grundgerüst im Kopf. Aber im Fußball kann eine Sekunde andere Überlegungen erforderlich machen. Zudem bereiten wir uns ja nicht auf ein einziges Spiel vor, sondern auf eine Halbserie bis Mitte Dezember. Die Abstimmung ist mit dem ersten Spieltag nicht abgeschlossen, sondern ein stetiger Prozess.

Man kann schon auf die Idee kommen, dass die Defensive steht, oder?

Seeberger:
Darüber zu sprechen, überlasse ich euch. Ich werde mich sicherlich öffentlich nicht dazu äußern, sondern lasse mir die Dinge offen. Jeder Spieler hat die Chance, in die Startformation reinzurutschen. Die Leistungsdichte innerhalb des Kaders ist durchaus vorhanden.

Ist die Dichte durch die Neuzugänge noch größer geworden?

Seeberger:
Wichtig ist, dass auf den Positionen alles stimmt, man die Spieler auf verschiedenen Positionen bringen kann - und auch, dass das Menschliche stimmt. Wir müssen zusammen leben können, und damit meine ich nicht nur den Kader, sondern auch den Trainerstab, die medizinische Abteilung, die Physios, bis hin zu den Materialwarten. Jeder muss den anderen unterstützen, egal, ob er in der Startelf steht oder auf der Tribüne sitzt. Was auch immer passieren wird in den kommenden viereinhalb Monaten, muss man wegstecken und neu angreifen können. Diese Moral müssen wir aufbauen, Einigkeit und Stetigkeit.

Unabhängig von den Namen, die die Positionen besetzen werden, ist denn die Systemfrage geklärt, oder ist das eine Frage, die nur Journalisten interessiert?

Seeberger:
4-4-2 ist die Grundausrichtung, daraus können sich je nach Gegner oder Einwechselung auch einige Nuancen ergeben, wie ein 4-4-1-1 oder mit einer Raute im Mittelfeld, wenn man offensiver spielen will. Aber Grundausrichtung wird immer das 4-4-2 sein. Die Defensivarbeit muss immer von der Struktur, vom System her geprägt sein. Jeder muss wissen, wie attackieren wir den Gegner, wie schalten wir um, wie reagieren wir, wenn wir den Ball verlieren. In der Offensive gibt es vier Positionen mit relativer Freiheit, und dann ist die Frage, wer bekleidet diese Position und wie interpretiert er sie.

War es dann eine Frage der körperlichen Belastung, dass man in einigen Testspielen den Eindruck bekam, dass ein zentraler Offensivspieler hinter den Spitzen fehlt und die beiden Sechser sich fast totgelaufen haben?

Seeberger:
Immer wird irgendwo eine Schnittstelle beim Umschalten von der Defensive in die Offensive bestehen, wo ich in die offensive Position vorrücken muss. Dass der Stürmer 60,70, 80 Prozent offensive Aktionen haben sollte, definiert sich aus der Position heraus. Aber im Mittelfeld hängt es vom Gegner oder Spielverlauf ab. Umso bedeutender ist es, dass man sich schnell in freie Räume reinbewegt oder sie schafft.

Aber der grundsätzliche Gedanke ist, den Gegner in die Mitte zu locken, dort die Räume eng zu machen und den gegnerischen Angriff in einen Kanal hineinlaufen zu lassen?

Seeberger:
Prinzipiell sollten die Stürmer den Ballbesitz ansteuern, den Gegner zwingen, nach außen zu spielen, die Außenpositionen im Mittelfeld müssen dann den Druck machen, um dort den Ballgewinn vorzubereiten. Defensiv muss das Zweikampfverhalten so aussehen, dass man die gegnerische Mannschaft auf einem Viertel des Platzes bindet. Man darf nicht reagieren auf den Gegner, sondern muss die Zweikämpfe führen, ihnen sagen, ihr dürft den Ball noch dort hinspielen und nirgendwo anders hin. Dann ist der Ballverlust eigentlich fällig. Wenn man das gut macht, brauchen wir auch wenig Foulspiel, jedes Foul unterbricht auch das Pressing. Also ist die ganze Mannschaft am Ballgewinn beteiligt. Wer auch immer diese Zweikampf-Statistiken an den Spieltagen führt: Eins-zu-Eins-Situationen gibt es nur bei den Innenverteidigern.

An mangelnder Erfahrung dürfte es nicht scheitern, der Kader hat knapp 400 Spiele Erstliga-Erfahrung...

Seeberger:
Wenn man gewisse Erfahrungsschätze hat, bleibt man viel ruhiger. Aber auch Jugend schützt vor Erfahrung nicht. Die Spieler sind sehr gut ausgebildet, technisch, taktisch und moralisch.

Von einem großen Teil dieser Erfahrung habt ihr euch aus sportlichen Gründen zu Beginn der Saison getrennt. Das war sicherlich eine gemeinsam mit dem Sportdirektor gefällte Entscheidung. Täuscht der Eindruck, oder wurde das gesamte Hickhack im Anschluss allein auf ihrem Rücken ausgetragen?

Seeberger:
Sportlich habe ich eine Entscheidungsgewalt, das ist die Aufstellung, die Auswechslungen, die Analyse des Spiels. Alle anderen Entscheidungen, die strategischer oder personeller Natur sind und über den Spieltag hinausgehen, werden natürlich einvernehmlich gefällt.

Aber in diesem Zusammenhang fokussierte sich alles auf Sie. Der öffentliche Eindruck war, der kommt, ist seit einem halben Jahr da und schmeißt sämtliche Heiligtümer um.

Seeberger:
Es ist so entschieden worden und Punkt. Wie das nach außen getragen wird, darauf habe ich keinen großen Einfluss. Ich glaube, dadurch, dass die Alemannia in den letzten vier Jahren fast durch die Decke durchgeschossen ist, ein kleinerer oder auch größerer Veränderungsprozess, wenn man den Stadionneubau dazu nimmt, im Gange ist, den man nicht einfach so wegsteckt. Es stecken immer Menschen dahinter, positive und negative Einflüsse. Man hat gewisse Gewohnheiten lieb gewonnen, und das war auch gut so in der Vergangenheit. Der Verein hatte in den letzten drei Jahren Erfolge wie kein anderer dieser Größe in Europa. Vielleicht braucht es dann eine kleine Durststrecke, um wieder neu Schwung zu holen.

Es ist müßig, die in der Rückrunde geholten Punkte mal zwei zu nehmen, aber sie haben zunächst gesagt, es komme darauf an, den Abwärtstrend wieder umzubiegen. Sind Sie bei dem Versuch, den Trend nach oben zu biegen, entscheidend weitergekommen?

Seeberger:
Entscheidend war, sich aus dem Abstiegskampf herauszuhalten. Letztendlich sind wir Siebter geworden. Der Schwung kann nur von uns selbst kommen, keiner wird uns irgendwohin katapultieren.

Viel Geld stand für Neueinkäufe nicht zur Verfügung, sind Stadionneubau und sportlicher Erfolg zugleich zu schwer zu stemmen? Der Sportdirektor scheint mit leerem Portemonnaie auf Einkaufstour gegangen zu sein.

Seeberger:
Aus meiner Sicht habe ich eine gute Transferperiode gehabt, wir haben sehr effizient gearbeitet. Ich halte mich aus den finanziellen Dingen heraus. Die Möglichkeiten, die wir hatten, haben wir gut umgesetzt. Und ich bin kein Trainer, der jammert oder etwas beklagt. Ich setze meine Kraft ein, um die täglichen Inhalte immer wieder neu zu gestalten, sich zu reflektieren.

Die Neuzugänge sagen, dass auch und vor allem die Gespräche mit Ihnen und Sportdirektor Jörg Schmadtke den Ausschlag gegeben haben, nach Aachen zu wechseln. Was haben Sie denen eigentlich erzählt?

Seeberger:
Alemannia hat sich vor allem in den letzten Jahren einen Namen geschaffen. Klar, dass die Perspektiven, den Tivoli jetzt zu spielen, von der Größe, den Fans, der Atmosphäre für jeden Fußballer eine Herausforderung und eine Freude ist. Letztlich muss jeder Spieler selbst sagen, warum er überzeugt ist.

Es gibt einige Neuzugänge, die ganz unverkrampft und offen davon sprechen, dass sie in Aachen den Aufstieg in die Bundesliga schaffen wollen. Und ihr lasst sie gewähren.

Seeberger:
Dass Perspektiven geschaffen wurden, ist klar. Meine Situation ist, dass wenn ein Spieler darüber spricht oder nur denkt, er es auch tut. Schön, dass man sich Ziele steckt. Aber man muss auch jeden Tag alles dafür geben.

Aber es gibt zwei Möglichkeiten: Man kann sagen, dieses Ziel gehört in den Bereich der Träume oder es ist realistisch.

Seeberger:
Ich möchte das jeden Tag spüren, dass jeder die Ziele, die er für sich formuliert, auch umsetzt. Das ist entscheidend. Ich liebe den Druck im Fußball, das ist die Essenz.

Also wollen Sie aufsteigen, weil dann der Druck am größten ist?

Seeberger:
Ich bin mit jeder meiner Mannschaften über kurz oder lang immer aufgestiegen oder war zumindest Erster. Mir ist lieb, man zeigt jeden Tag, dass man das Ziel verfolgt, dann entwickelt sich alles andere von allein.

Wie sehen Sie die Zweite Liga in der kommenden Saison?

Seeberger:
Die letzte Saison hat gezeigt, mit Mönchengladbach, Köln und Hoffenheim sind die Klubs mit den größten Etats aufgestiegen, aber das will ich überhaupt nicht in die Waagschale schmeißen. Ich arbeite mit dem, was ich habe. Ein Fußballteam, das sind mehr als 30 Personen, und wenn jeder das Beste zur Verfügung stellt und das Schlechte wegschluckt, dann kann man am Schluss des Tages sagen, man hat alles gegeben. Dann entwickelt sich auch eine Dynamik.

Sollte das mit dem Aufstieg in der kommenden Saison nichts geben, werdet ihr wenigstens Erster in der Ewigen Zweitliga-Tabelle. Sicherlich kein Erfolg, der Sie sonderlich interessiert, oder?

Seeberger:
Ich spanne schon gern mal den Bogen zurück, aber das ist für mich zu weit zurück. Irgendwann bin ich im Hier und Heute, im nächsten Training, in den kommenden Aufgaben. Natürlich hat man sich etwas geschaffen in den letzten Jahren, aber die Frage ist, wie geht es jetzt weiter?

Noch einmal kurz zurück, zu den Spielern, mit denen nicht mehr geplant wurde. Die ganze Diskussion fokussierte sich auf den Namen Seeberger. Besteht nicht die Gefahr, dass alles auf Sie zurückfällt und Sie alles allein zu verantworten haben werden, sollte sich der sportliche Erfolg nicht einstellen?

Seeberger:
Darüber denke ich insofern nicht nach, als dass ich die Entscheidung in letzter Konsequenz mitzuverantworten habe. In allen Bereichen, in denen ich verantwortlich bin, trage ich auch die Verantwortung und stehe zudem, was geschieht. Jeder, der Menschen führt, steht irgendwann vor dieser Aufgabe. Im Fußball hat das ein gewisses Echo in der Öffentlichkeit, das ist mir klar. Aber ich muss keine Frage beantworten, die sich noch nicht stellt.


 

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