Sport / Alemannia

Seeberger: «Es ist nie zu spät für Aufbruch und Euphorie»

23.11.2008, 18:13

Aachen. Alemannia siegt, doch der Trainer beklagt Störfeuer und eisenhaltige Luft in der Abschiedssaison vom alten Tivoli. Mit Aachens Trainer Jürgen Seeberger sprach unser Redakteur Roman Sobierajski.


Herr Seeberger, sie haben nach Spielschluss moniert, es gebe in Aachen viel Störfeuer, die Luft sei eisenhaltig. Was haben Sie konkret mit dieser Feststellung gemeint?

Seeberger: Ich habe alles gesagt, was es zu sagen gab, und will nichts mehr ergänzen.

Wo immer das Störfeuer auch herkommen mag, sei es in den Gastbeiträgen im Vereinsmagazin Tivoli-Echo oder von Entscheidungsträgern im Verein, das Sportliche wird doch durchaus dadurch beeinflusst...

Seeberger: Ich will darauf nicht näher eingehen. Die Botschaft wird schon ankommen. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt das Thema weiter zu öffnen.

Dann vielleicht ein Wort zur fehlenden Euphorie, die sieebenfalls angesprochen haben? War das eine Partie, nach der man Euphorie einfordern kann?

Seeberger: Die Mannschaft hat gegen Osnabrück zwei späte Tore geschossen, gegen einen Gegner, der befreit aufspielen konnte. Das Spiel hätte durchaus auch verloren gehen können, aber wir halten die Punkte hier. Die Mannschaft hat also die Kraft, aber auch den Glauben und Willen, die Moral und die Qualität. Spielt man gut und gewinnt nicht, hat man ein Problem. In der Phase, in der wir jetzt sind, können wir so einen Erfolg erzwingen. Aber es muss mehr Aufbruchstimmung insgesamt da sein hinsichtlich der positiven Themen, die weit überwiegen. Sieht man das Glas immer nur halbleer statt halbvoll, ist das einfach schade.

Von der Punkt-Ausbeute her kann sich die Mannschaft durchaus sehen lassen, hochgerechnet holt Alemannia Aachen die gleiche Punkt-Quote wie in der erfolgreichen Rückrunde der abgelaufenen Saison...

Seeberger: Ich will keine Vergleiche zwischen der einen und der anderen Saison. Die aktuellen Themen sind die entscheidenden, und es geht insgesamt durch den Verein durch, dass man die Dinge positiver angeht. Vor vier Wochen ist hier ein Mann weggebrochen, der sieben Jahre lang das Zepter geschwungen hat. Dass fast alle damit vernünftig umgehen und weitergearbeitet wird, spricht für die Strukturen, die Jörg Schmadtke aufgebaut und hinterlassen hat. Aber auch wie die Spieler das wegstecken, ist entscheidend. Jeder geht professionell mit einer schwierigen Phase um, die momentan im Verein herrscht. Vor allem die, die es auf dem Platz richten sollen.

Lassen sich die Probleme denn so auf den Abgang des Sportdirektors fokussieren?

Seeberger: Damit wird sehr professionell umgegangen, und das kann man auch positiv darstellen. Man muss nicht immer alles als selbstverständlich nehmen, nach dem Motto 'Das muss ja funktionieren´.

Selbstverständlich ist überhaupt nichts im Fußball. Gegen Osnabrück hat die Mannschaft erstmals ein Drecksspiel umgebogen. In der Vergangenheit habt ihr immer, sagen wir, ein bisschen Pech gehabt, dass sportliche Erfolge in die zweite Reihe gedrängt wurden.

Seeberger: Mit dem Freiburg-Spiel fing es an, gegen Mainz ging es weiter. Wir haben den Auftrag, es auf dem Platz zu richten, aber insgesamt ist es wichtig, dass eine positive Richtung eingeschlagen wird. Natürlich kann man die Art und Weise kritisieren, und ich bin der Erste, der versucht, es mit der Mannschaft noch besser zu machen, man kann aber auch sagen, wir haben 3:1 gewonnen und solch ein Spiel für uns entschieden.

Gab es während des Spiels Kritik aus den Zuschauerreihen hinter der Trainerbank?

Seeberger: Nein, nein. Aber man könnte ja auch einmal positiv anmerken, dass an einem Tag mit Wintereinbruch über 17000 Zuschauer im Stadion waren, statt anzumerken, dass das Stadion früher immer ausverkauft war. Das ist nur ein Aspekt. Die Transfer-Politik oder die Integration der neuen Spieler sind zwei weitere, da sind wir auf einem guten Weg. Die Mannschaft verändert sich immer aufgrund von Krankheit, Verletzungen oder Sperren. Alle Spieler, die neu in die Startformation kamen, haben funktioniert. Wir haben ligaweit die wenigsten Spieler eingesetzt, das spricht auch für die medizinische Abteilung. Man muss das Positive einfach nur wahrnehmen wollen.

Welche positiven Aspekte werden denn noch gern übersehen?

Seeberger: Etwa, dass Alemannia zu den besten 25 Vereinen in Deutschland gehört, oder dass der Stadion-Neubau geschafft wurde. Es gibt nur wenige Klubs in Deutschland, die ein neues Stadion in Eigeninitiative bauen konnten, der Rest hat von der WM partizipiert. Es ist ein Riesenschritt, vielleicht mal zu den Top 15 zu gehören. Das ist ein richtig hochgestecktes Ziel, das sich die Alemannia erarbeitet hat.

Ist das ein konkreter Vorwurf an das Publikum, dass die Erfolge zu wenig gewürdigt werden?

Seeberger: Nein, ich will nicht das Publikum korrigieren. Ich will insgesamt animieren, dass man den heutigen Stand nimmt, drei Spiele vor der Winterpause, und die Dinge positiv sieht. Dass diese riesige Erwartungshaltung existiert, ist klar. Aber die kleinen Schritte, die man jetzt gehen muss und die zum Teil schwer fallen, um überhaupt den Anspruch haben zu dürfen, soweit zu kommen, die muss man gemeinsam gehen.

Also lautet das Resümee: Die Strukturen im Verein stimmen, die Mannschaft funktioniert, die Ausbeute stimmt. Was fehlt ist die Euphorie?

Seeberger: Wir ziehen in ein Wahnsinns-Bauwerk ein, ein richtiges Schmuckkästchen. Jeder muss sich extrem einbringen, um die kleinen Schritte erfolgreich zu gehen. Dass einige nervös werden, weil sie die Rechnungen bezahlen müssen, ist auch klar.

Täuscht der Eindruck, dass im Liga-Alltag ein wenig untergeht, dass der Verein an der Schwelle zu einer neuen Ära steht? Man hätte doch erwartet, dass in der Abschieds-Saison vom alten Tivoli jedes Spiel zu einem Fest werden würde.

Seeberger: Genau, und gegen Freiburg war dies, gegen Mainz war das. Aus einer Aufbruchstimmung kann man auch Motivation ziehen. Wir haben noch zehn Heimspiele auf dem alten Tivoli. Man kann das Jahr noch nicht resümieren, weil noch drei schwere Begegnungen anstehen, vor allem das nächste Spiel in Kaiserslautern ist eine reizvolle und hochspannende Aufgabe - erst recht nach dem Verlauf des Spieltages. Nach Schmadtkes Abgang dachten viele, was wird denn nun. Jetzt ist es wichtig, den Anfang zu machen, für Aufbruch, Euphorie und positive Rückmeldung ist es nie zu spät. Das sind die wichtigsten Punkte, da müssen wir nicht lange über Geld oder Spieler-Potenziale reden.


 

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