Aachen. Rund 200 Kunden hatten sich auch eine Stunde nach dem Schlusspfiff nicht in den Sattel zurückfallen lassen. Die Polizei marschierte auf, Frithjof Kraemer, Geschäftsführer der Alemannia Aachen GmbH, Andreas Bornemann, Sportdirektor, Horst Heinrichs, Präsident, und Robert Jacobs, Fan-Beauftragter, zogen zwecks Deeskalation vor das Tor. Dem Wunsch «Wir woll´n die Mannschaft seh´n» kamen die Spieler nicht nach.
Und eigentlich wünschte die aufgebrachte Menge den Kader ja auch dort hin, wo der Pfeffer wächst: «Außer Heinrichs könnt ihr alle geh´n.»
Die dezidierte Aufarbeitung des 1:3 gegen den FC St. Pauli soll nun am Montag ab 19 Uhr im VIP-Zelt folgen - Bornemann löste den Knoten am Sonntagnachmittag mit dem Hinweis, dass der Gäste-Bus doch nun langsam vom Gelände rollen möchte.
Vor zwei Wochen noch lag Alemannia auf Platz fünf und damit über den Möglichkeiten, die die Etat-Tabelle aufzeigt. Nun verschwindet der Zweitligist selbst aus diesem vom Manager aufgemachten Fenster, ist nur noch Neunter und gerät immer tiefer in den Treibsand des Tabellen-Mittelfelds.
Die Gefahr dieser Dynamik nach der dritten Niederlage in Folge veranlasst Timo Achenbach zu einer Warnung: «33 Punkte reichen nicht. Wir müssen den Blick nach hinten richten.»
Weniger die Pleite als solche brachte das Publikum auf die Palme - obwohl St. Pauli mit dem letzten Aufgebot und der Empfehlung eines einzigen Auswärtssieges ins ausverkaufte Haus gekommen war -, sondern die Art und Weise.
Jürgen Seeberger hatte sogar noch ein Exempel statuiert und Matthias Lehmann aus dem Kader geworfen, weil dem Trainer die Einstellung des Kapitäns nach dessen Einwechslung in Freiburg «nicht gefallen» habe. Nun musste Seeberger den Kreis schon größer ziehen: «Es begleitet uns durch die Saison, dass wir Rückschläge nicht wegstecken und manche dann ihr eigenes Spiel erfinden.»
Genau das ist die Frage, auf die man schwieriger denn je eine Antwort findet: Für welchen Fußball steht Alemannia eigentlich? Ralph Gunesch, Ex-Aachener, wunderte sich: «Das war früher anders hier. Klar, wir haben es nicht zugelassen, dass der Funke auf die Zuschauer überspringt. Aber ich hatte doch ein hitzigeres, aggressiveres Spiel von Alemannia erwartet.»